Kirchenführer St. Joseph

Kath. Pfarrkirche St. Joseph in Wülfrath

Zeittafel

1864

31. Juli: Johann (Groß-) Ellsiepen schenkt der kath. Gemeinde Wülfrath ein Grundstück zum Bau einer eigenen Kapelle mit Pfarrhaus und Friedhof

1866

15. Oktober: Weihe der Rektoratskapelle St. Joseph in Wülfrath nach dem Entwurf von Vincenz Statz, Köln (heute nicht mehr vorhanden)

1898

1. September: Kath. Kirchengemeinde Wülfrath erlangt die Selbständigkeit

1900/01

Erweiterung durch ein neugotisches Querschiff mit Chor nach dem Entwurf von Heinrich Renard, Köln

1944

26. April: Erhebliche Zerstörungen an der Kirche durch Bombenangriff

1952/53

Abriss des Kapellenraumes, Errichtung eines modernen Langhauses unter Beibehaltung des neugot. Querschiffes mit Chor nach dem Entwurf von Heinrich (Heinz) Thoma, Düsseldorf

1960–62

Neugestaltung des Haupteingangs, Erweiterung der Sakristei

1960

Einbau des großen Westfensters nach dem Entwurf von Trude Dinnendahl-Benning, Düsseldorf

1965

Einbau der acht oberen Farbglasfenster nach dem Entwurf von Trude Dinnendahl-Benning

1967

Einbau der unteren sechs Farbglasfenster nach dem Entwurf von Trude Dinnendahl-Benning

1976/77

Umfassende Neugestaltung des Altar- und Chorbereiches nach dem Entwurf von Wilhelm Dahmen, Düsseldorf

1998

Orgel bekommt einen neuen Spieltisch

2011

1. Januar: Fusion der drei Pfarreien St. Joseph, St. Maximin und St. Petrus Canisius zur neuen Pfarrgemeinde St. Maximin, Wülfrath

Lage und Geschichte

Eingebettet in die hügelige Landschaft des Niederbergischen Landes liegt die Kleinstadt Wülfrath (22484 Einw.). Eine nicht näher datierte Urkunde vom Ende des 11. Jh. („Almosenregister“), nennt eine lange Liste von Ortsnamen des Gebietes, aus denen alljährlich zu einem bestimmten Zeitpunkt finanzielle Zuwendungen an das Stift Kaiserswerth erfolgten. Darin taucht erstmalig die Erwähnung  Wülfraths auf. Die Ortsbezeichnung woluerode, die Rodung des Siedlers Wolf, deutet zweifelsfrei auf die Inbesitznahme und Urbarmachung eines waldbestandenen Areals hin.

Ob es der hl. Suitbert (gest. 713 in Kaiserswerth) gewesen sein mag, der von seinem Kloster in Werth (= Kaiserswerth) aus als gern bezeichneter „Apostel des Bergischen Landes“ eine Missionierung des Gebietes vorgenommen habe, darf wohl als zutreffend angenommen werden; dass er hingegen auch eine erste Kirche in Wülfrath geweiht haben soll, ist zu bezweifeln. Dies wird erst durch einen seiner Nachfolger geschehen sein. Die frühmittelalterliche Siedlung in der Quellmulde des Angerbachs bestand aus
einem Fronhof, der sich in der Folgezeit zu einem blühenden Gemeinwesen entwickeln sollte. Handwerk und Gewerbe lassen sich bereits für das Jahr 1265 bezeugen. Seit 1363 gehört Wülfrath zur Grafschaft Berg, dem späteren Großherzogtum.

Im Zuge der Reformation gelangte im Jahr 1560 der Protestantismus nach Wülfrath und zwar in seiner strengen calvinistischen Ausprägung, wodurch auch hier das christliche Leben eine tiefgreifende Wende erfuhr. Mithin wurde die aus romanischer Zeit stammende älteste Kirche im Stadtzentrum samt ihrer Gemeinde evangelisch und blieb dies bis zum heutigen Tag. Die unter der Regierung von Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg (1614–1653) einsetzende Gegenreformation vermochte daran nichts zu ändern, da sich die Glaubenszugehörigkeit einer Gemeinde ausschließlich nach einer gesetzlichen Regelung zu richten hatte, welche den Bekenntniszustand während des Normaljahres 1624 zugrunde legte, als Wülfrath sich zur Reformation bekannt hatte. Folglich blieb man protestantisch, gleichwohl kehrte die Gemeinde im benachbarten (heute eingemeindeten) Düssel zum kath. Bekenntnis zurück. In Wülfrath musste das in der Folgezeit naturgemäß zum Erliegen des katholischen Lebens führen. Bis 1812 ist die Zahl immerhin auf 271 Personen angestiegen. Für die Teilnahme an der Messfeier stand ihnen nur die Kirche St. Maximin in Düssel zur Verfügung.

Aus dieser Sachlage heraus entstand immer mehr der Wunsch nach einem eigenen Kirchenraum. Die Ablehnung der kirchlichen Behörde änderte sich in dem Augenblick, als Johann (Groß-)Ellsiepen, seines Zeichens Gastwirt in Wülfrath, am 31.7.1864 mit einer Grundstücksschenkung an die Kirche aufwartete, die ein Areal von zwei Morgen an der heutigen Mettmanner Straße umfasste, vorgesehen zum Neubau von Kapelle, Pfarrhaus und Friedhof. Da die umgehend erfolgte Baugenehmigung daraufhin zeitnah in die Tat umgesetzt werden konnte, fand die Grundsteinlegung schon ein halbes Jahr später, die Einweihung der Kapelle, welche unter das Patronat des hl. Josef gestellt worden war, schließlich am 15.10.1866 statt. In der Folge bekam das religiöse Leben in der kath. Kirchengemeinde wieder Auftrieb, was u.a. dazu geführt hat, dass sich ein St. Josefs-Verein etablierte (1871).

Am 1. Januar 2011 wurde der Pfarrverband aller kath. Gemeinden Wülfraths einer grundsätzlichen Strukturveränderung unterzogen. Der gesamte Seelsorgebereich mit seinen rund 7700 Gemeindemitgliedern aus den drei Pfarren St. Josef, St. Maximin (Düssel), St. Petrus-Canisius (Rodenhaus) und St. Barbara (Schlupkothen) fusionierte zur Großgemeinde St. Maximin, an dessen Spitze nur noch ein Pfarrgemeinderat steht. Da das Patrozinium des hl. Maximin im Erzbistum Köln selten vorkommt, hielt man an der Person des Heiligen als dem (neuen) Namenspatron fest.

Baugeschichte

Ins Auge fällt, dass sich der Baukörper aus zwei völlig unterschiedlichen Teilen zusammenfügt, deren Entstehung unschwer verschiedenen Epochen zuzuordnen ist. Durch den älteren Bauabschnitt des 19. Jh. und den mit ihm verbundenen modernen Abschnitt aus der Mitte des 20. Jh. ist also ein Hinweis darauf gegeben, dass die heutige Pfarrkirche St. Joseph die Fortsetzung ihrer Vorgängerin darstellt, dabei eine Bautradition weiterführt, deren Anfänge mit der Errichtung der Rektoratskapelle auf dem einst von Johann (Groß-)Ellsiepen geschenkten Gelände im Jahr 1865 einsetzt.

Der erste und älteste Vorgängerbau war eine nach Plänen des Kölner Diözesanbaumeisters Vincenz Statz (1819–1898) errichtete Kapelle (Weihe am 27.12.1866).

Aufgrund eines beachtlichen Spendenanteils von 25.700 RM sowie durch Fremdfinanzierung konnte die Gemeinde die Bausumme in Höhe von 35.700 RM aufbringen. Am 4.4.1900 erfolgte die Grundsteinlegung des an die Chorseite der Kapelle angefügten Neubaues.Bis in unsere Tage ist dieser Bauabschnitt der Pfarrkirche in seinem äußeren Erscheinungsbild erhalten geblieben. Er zeichnet sich durch Backsteinmauerwerk, durchbrochen von schlanken spitzbogigen Maßwerkfenstern, durch den Sockel aus Bruchstein, die Stützpfeiler und das steil aufragende Satteldach aus. Verheerend dann die Auswirkung

en des Bombenangriffs am 26.3.1944 auf die Stadt und eben auch auf die Pfarrkirche St. Joseph. „Gegen 20 Uhr gingen in unmittelbarer Nähe der Kirche zehn Spreng- und eine Anzahl Brandbomben nieder. [...] An der Kirche war die Dachkonstruktion schwer beschädigt worden. Zur Straße hin klaffte ein großes Loch. An dieser Seite war auch das Gewölbe eingestürzt. Ebenso stürzte auch ein Teil des Gewölbes im Altbau ein. Die Benutzung der Kirche kam für den Gottesdienst nicht mehr in Frage“ (Pfarrchronik). Notdürftig vorgenommene Reparaturen brachten nur kurzzeitige Linderung der Situation, bis dann am 30.11.1951 die Genehmigung zur Erneuerung des Kirchenbaus aus Köln eintraf. An die Stelle der abbruchreifen Kapelle (1865/66) trat nun ein neues Langhaus nach dem Entwurf des Düsseldorfer Architekten Heinrich Thoma (1909–1994); verbunden mit dem neugotischen Erweiterungsbau (1900/01) wuchs es zu eben jenem Kirchenbauwerk, wie es sich heute darstellt, zusammen (Grundsteinlegung am 19.4.1952, Weihe durch den Kölner Bischof Joseph Ferche am 1.11.1953).

H. Thoma (Baumeister) ging auf das vor Ort noch vorhandene Baumaterial ein, versuchte damit erfolgreich so etwas wie Homogenität entstehen zu lassen, dennoch: Die Formung des Gebäudes erreicht aufgrund einer unverblümt vorgetragenen schlichten Sachlichkeit eher die Grenze des ästhetisch Vertretbaren.

Kompakt wirkt der Baukörper auch dadurch, dass der Turm, der in die Westfront integriert ist, nur durch die querrechteckig aufgesetzte Glockenstube als solcher wahrnehmbar wird. Wie der Grundriss zeigt, befinden sich hinter der Westwand zwei flankierende Kapellenräume, einen Riegel bildend, der die Anlage ansatzweise ein wenig in die Nähe sächsischer Westwerke rückt. Thoma fügte hier ein großes Rosettenfenster ein, im Übrigen geschieht die Lichtführung ins Innere durch acht große und sechs kleine Rundbogenfenster in den Seitenwänden. In den Jahren 1960–62 erweiterte man die Sakristei um mehrere Räume, die Umgestaltung des Haupteinganges durch den Windfang mit der nach Westen abschließenden Mauer erfolgte 1969/70.

Innenraum

Betritt man die Kirche vom Haupteingang aus und hat den gläsernen Windfang (A) passiert, so gelangt man zunächst in einen Vorraum (B), in dessen Mitte der Taufbrunnen (15) aus schwarzem Marmor steht. Zwei kleine Kapellen schließen sich zu beiden Seiten an, die nur spärlich mit Licht durch jeweils zwei kleine Rundbogenfenster versorgt werden. In der Andachtskapelle (C) (rechts) wollen die farbigen Fenster (1960) von „Licht und Gnade“ (F13) künden, in der Kriegergedächtniskapelle (D), welche mit einer Pietà und einer Marienskulptur mit Kind ausgestattet ist, thematisieren sie die Begriffe „Kreuz und Leid“ (F14). Das Glasmaterial besteht aus belgischem Dickglas, gefügt in eine Betonmasse.

Vom Vorraum aus gelangt man in den Gemeinderaum, das Langhaus der Kirche (E), das sich als ein fast quadratisch gehaltener, lichter und weitläufiger Raum darstellt und dabei in der Höhe von einer flachen Holzbalkendecke geschlossen ist. Zwei Gruppen unterschiedlich großer Fenster gliedern die glatten Seitenwände und werden dabei nur von schmalen Wandpfeilern unterbrochen. Klug sind Lichtführung, Funktion und Aussage gewählt. Lassen die großen Rundbogenfenster in der oberen Wandzone viel Tageslicht hereinströmen, wenngleich sie dieses aufgrund ihrer grau-blauen Färbung auch bereits filtern und durch ihre Motive in der Abstraktion zu verharren scheinen, so absorbieren die kleinen Fenster der unteren Wandzone kraft ihrer dunkleren Tönung das Tageslicht stärker, wenden sich mehr dem Betrachter zu, indem sie ihn mit den Werken der Barmherzigkeit textlich und bildlich direkt ansprechen. Vom kühlen Grau der Wände hebt sich der wärmere Ton des Bodenbelags (Solnhofener Platten) ab.

Scheinbar bruchlos geht der moderne Gottesdienstraum in den sich anschließenden historischen Bauteil der Kirche über, verhält sich also in dieser Hinsicht um einiges anders, als man das, ausgehend von der Betrachtung des Außenbaues, erwartet hätte. Das neugotische Querschiff (F) – heute der Altarraum – sowie die Chorapsis (G) (Heinrich Renard, 1900/01) beleben aufgrund ihrer Spitzbogenarchitektur mit den stark aufgefalteten Rippengewölben das Raumgefühl in diesem Teil der Kirche deutlich. Die drei Hauptfenster in der Chorapsis „Der mit Macht und Herrlichkeit wiederkehrende Christus“ dominieren den Altarraum und letztlich das Innere der Kirche insgesamt, von ihnen geht eine tiefgreifende Wirkung aus (Entwurf: Trude Dinnendahl-Benning, 1961). Sie ziehen den Blick des Betrachters vom Augenblick des Betretens der Kirche an in ihren Bann. Im Zuge der Neugestaltung des Altarraumes unter der Bauleitung des Architekten Wilhelm Dahmen, Düsseldorf, in den Jahren 1976/77 fand man zu der heutigen Anordnung von Altar, Tabernakel und Ambo, markierte ihren Standplatz durch einen einrahmenden Bodenbelag aus dunklerem Kalksandstein. Im linken Teil des Querschiffs ist heute für die Gemeinde eine Seitenkapelle eingerichtet. Eine Konstruktion aus drei rundbogigen Öffnungen (die mittlere überhöht) gibt im westlichen Teil der Kirche den Blick auf die Orgelempore (H) frei, die den Gemeinderaum dort in ganzer Wandbreite überspannt. Diese Wandgliederung korrespondiert mit den Bogenöffnungen zum Altarraum hin. In der Westfassade befindet sich das monumentale Rundfenster „Die Sendung des Heiligen Geistes“ (T. Dinnendahl-Benning, 1960).

Grundriss

Literatur

  • Anton Josef Binterim, J. H. Mooren, Die Erzdiözese Köln bis zur frz. Staatsumwälzung, 2 Bde., Düsseldorf 1892–93,Nachdruck 1966.
  • Josef Gail, St. Josef Wülfrath, Kirche und Pfarrgemeinde, hrsg. vom Kath. Pfarramt St. Joseph, 2. Aufl., Wülfrath 1963.
  • Wolfgang Heinrichs, Hartmut Nolte, Lexikon der Wülfrather Kirchengeschichte, 1. Aufl., Nordhausen 2008.
  • Gerd Heinz-Mohr, Lexikon der Symbole, Bilder und Zeichen der christlichen Kunst, 9. Aufl., München 1988.
  • Detlef Jankowski, Zur Geschichte der Kath. Pfarrgemeinde St. Joseph in Wülfrath, in: 100 Jahre St. Joseph Wülfrath,
    hrsg. v. d. Pfarrei St. Joseph, Wülfrath 1999.
  • Theodor Josef Lacomblet (Hrsg.), Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, 4 Bde., Düsseldorf 1840–58,Nachdruck 1960.
  • Willi Münch, Wülfrath und das Niederbergische Museum, Rheinische Kunststätten, Heft 137, 3. Aufl., Neuss 1981.
  • Reclams Lexikon der Heiligen u. d. biblischen Gestalten, hrsg. von Hiltgart L. Keller, 4. Aufl., Stuttgart 1979.
  • Rheinischer Städteatlas: Wülfrath, Lieferung XII Nr. 68, 1996, hrsg. vom Landschaftsverband Rheinland, Bonn 1996.
  • H. F. Schmitten, Wolverothe- Wulfrode-Wülfrath, Beiträge zur Geschichte einer niederberg. Stadtgemeinde, Wülfrath 1928.
  • Stadtarchiv Wülfrath.
  • Archiv der Kath. Kirchengemeinde St. Maximin, Wülfrath.

Impressum

Original von:
Schnell, Kunstführer Nr. 2790
1. Auflage 2011
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Weitere Informationen

Weitere Informationen, z.B. zu den besonderen Glasfenstern, finden Sie im Kirchenführer St. Joseph.
Das Heftchen ist zum  Preise von 3,--€ in der Kirche (Schriftenstand) oder im Pastoralbüro Goethestr. erhältlich.